Märchen und Träume sind…Schäume

Märchen und Träume sind…Schäume

Jeden Tag saß sie am Meer, das mal laut und zischend und mal leise flüsternd über den Sand auf sie zurollte. Meist sah sie dem Sonnenuntergang zu, den Ausflugsbooten, die zurückkamen und den zankenden Möwen. All das hatte es immer schon gegeben, nur er würde niemals wiederkommen. Und manchmal sah sie nur ihre Erinnerungen. Wie gern segelte sie damals mit ihm kurz hinaus…“Luft schnappen“ nannten sie das, den Wind in den Haaren spüren, all die kleinen unwichtigen Gedanken wegpusten lassen und den Strom des Meeres spüren, der ihn letztendlich fortgezogen hatte.

Serena wartete nicht, sie wußte, dass er nie wieder kommen würde. Nur, was blieb ihr zu tun? Allein. Sie liebte diesen Ort, sie liebte das Meer und so manches Mal schloß sie die Augen und stellte sich vor, wie es wäre, mit Delfinen zu schwimmen. So real war dieser Traum, dass sie immer öfter darin versank. Spaziergänger meinten, sie meditiere und niemand störte sie in diesem wunderbaren Traum.

Eine ganze Schar dieser herrlichen Geschöpfe wartete anscheinend darauf, dass sie eintauchte, ins Wasser…in den Traum. Kleine und große, wilde und ruhige und alle schnatterten wild durcheinander.

Und jedesmal wartete Serena auf ihren Liebling. Nicht, dass sich diese Meeressäuger wirklich voneinander unterscheiden ließen, aber einer von ihnen sandte seine Gedanken bis in ihr Herz. Anfangs belustigte er sie nur durch seine Art, seine Blicke und seine übertriebenen Gesten, dann lud er sie ein, auf einen Tauchgang. Zeigte ihr seine Welt, das bunte Treiben der Tiefe, gefährliche Ecken und den Rausch, durchs Wasser zu gleiten. Serenas Neugierde ließ gar keine Gedanken aufkommen, die sich mit Atmung oder Angst beschäftigten, sie staunte über eine Welt, die sich ihr sonst niemals gezeigt hätte.

Nur einmal ließ sie seine Rückenflosse los und fühlte, wie sie dem Licht entgegenschwebte. Es zog sie regelrecht an, fühlte sich so friedlich, so warm, so vollkommen an und sie schloß die Augen…

Da hörte sie seinen Ruf das erste Mal: „Tu es nicht, bleib hier…bitte!“ . Sie verstand nicht wirklich, was er damit sagen wollte, spürte nur im nächsten Moment die ganze Herde, die er herbeigerufen haben mußte. Alle schmiegten sich an sie, trugen sie förmlich bis zur Oberfläche und Serena spürte, dass sie eins war mit diesen liebevollen Wesen und wie knapp sie der anderen Seite entkommen war. Trotzdem war ein Bedauern in ihr und sie beschloß, bei nächster Gelegenheit, ihren Freund danach zu fragen, was das denn alles zu bedeuten hätte.

Seine Antwort war orakelhaft: „ Du trauerst jemandem hinterher, der nicht von Deiner Art ist. Nosce te ipsum.*“ Und in seinen Augen funkelte es.

Jeden Tag überlegte Serena, wer denn von ihrer Art wäre. Sie traf sich mit vielen unterschiedlichen Männern, ließ manche näher an sich heran, andere testete sie nur. Aber keiner war dabei, den sie als „von ihrer Art“ bezeichnet hätte.

Bis sie eines Tages wieder mit ihrem Delfinfreund unterwegs war…in Tiefen, die sie vorher noch nie gesehen hatte. Sie hatte Angst, aber sie ließ die Rückenflosse nicht los. Sie schwammen über einen Palast, der beeindruckend und furchteinflößend zugleich war: „Hier lebt Neptun“ , war der kurze Kommentar ihres tierischen Begleiters.

Neptun hatte anscheinend eine sehr morbide Auffassung von Schönheit. Alles war eigentlich nach den Normen der Ästhetik der Natur gebaut. Der gesamte Palast erschien wie ein Pentagon also wie ein fünfzackiger Stern, dem die Spitzen fehlen, wie Schneckenhäuser verwoben sich Treppen zu Türmchen und es gab Terrassen mit einem Winkelausschnitt von 137,5 Grad. Wären da nicht die Masten und Schornsteine der versunkenen Schiffe gewesen, die – wie Trophäen – die Palastmauern verzierten und dabei dem Dreizack des Herrschers der Meere bzw. dem Phi, der goldenen Zahl nachempfunden waren. Und als ob das nicht genügen würde, drang aus einem der Türme ein stetes unerträgliches Signal…ein Ton, für menschliche Ohren nicht hörbar, jedoch im tierischen Bereich eine absolute Zumutung.

Aus diesem Grund hatte Serenas Begleiter sie hierher“geschleppt“. Für ihn war es unmöglich, sich der Ursache dieses Signals zu nähern. Er hoffte darauf, dass Serena wußte, was zu tun war, um das Problem zu lösen. Tiere gab es deshalb nicht mehr in Neptuns Reich, die Seeschnecken ohne Hörorgane und auch Algen waren davon ausgenommen. Die einzigen Begleiter des Reiches der 7 Meere waren Meerjungfrauen, unschuldige Wesen, die darauf hofften, dass er von ihnen Notiz nahm, und seine 7 Kinder, seine Juwelen, sein einziger Schatz.

Serenas tierischer Begleiter schickte sie, in eine große Luftblase gehüllt, in den besagten Turm. Der Fund passte so ganz und gar zum Rest des Palastes: mehrere FDRs (Flugdatenschreiber) kürzlich über dem Meer abgestürzter und verschollener Flugzeuge sendeten ihr Signal tapfer weiter – auf der üblichen Frequenz von 37,5 Hertz. Neptuns Castle lag nur leider weit unterhalb der ortungsfähigen 14T Fuß. Um ihren tierischen Freunden zu helfen, hatte Serena nur eine Möglichkeit: sie mußte die Ultraschallwellen der Geräte stoppen. Eine Sendedauer von 90 Tagen konnte niemandem hier unten gut tun. Eine reine Geduldsarbeit, all die Geräte aufzubekommen, sich in die Funktionsweise einzudenken, Programmierungen zu überschreiben…und Serena hasste Geduldsarbeit. So einiges mißlang, musste wiederholt werden, trotz allem schaffte sie es und hatte zuletzt nur noch einen Pinger übrig…

* „Erkenne Dich selbst“ (Inschrift über dem Orakel von Delphi)

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