Helden

Helden

S-Bahnhof Reeperbahn an einem Sonntag um 23:00 Uhr, leer ist es hier, genau wie auf der Großen Freiheit einige Minuten zuvor. Nur noch wenige Besucher, gemeinschaftliches Runterfahren und Atem holen eines Viertels nach einem wie immer turbulenten Wochenende. In der S-Bahn nur vereinzelt leise Gespräche, jeder hängt seinen Gedanken nach. Ich muss lächeln in Gedanken an die Kontraste dieses Abends: ein klassisches Konzert mitten auf Sankt Pauli, sehr gediegenes und sehr junges Publikum, eine Neukomposition aus der Jetzt-Zeit der globalen Umwälzung und eine aus der Zeit der französischen Revolution. Inwieweit wäre Beethoven mit unserer Auslegung von „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit“ konform? Aber dahin soll mein Ansatz nicht gehen, hier geht’s doch ums Seelenfunkeln 😉

Die Musik und die Musiker haben an diesem Abend gestrahlt. Komponist, Dirigent und die ausführenden Künstler haben ihre Seelen funkeln lassen. Ich habe neben den üblichen Erklärungen zur Entstehung der „Eroica“ eine ausfindig gemacht, die mich persönlich sehr angesprochen hat. Hier zum Verständnis:

… bezieht sich auf die Person Beethovens selbst. Die Sinfonie steht in unmittelbarer zeitlicher Folge zum „Heiligenstädter Testament“ aus dem Oktober 1802. Die fortschreitende, behandlungsresistente und existenz-bedrohende Ertaubung hatte Beethoven in tiefe Lebensresignation und Hoffnungslosigkeit gestürzt. Mit dem Testament an seine Brüder setzt er sich mit seiner bisherigen und zukünftigen Lebenssituation auseinander. Dabei fallen erstaunliche Parallelen mit der Prometheus-Handlung sowie Form und Inhalt der dritten Symphonie auf:

Ursprünglicher Zustand: Prometheus, das Schicksal oder Gott haben der Tonstatuette Ludwig „die himmlische Fackel ans Herz gebracht“ und sie dadurch mit allem ausgestattet, was eine glänzende menschliche und künstlerische Zukunft erwarten lässt.

Störung: Die Ohren, der Hauptsitz der musikalischen „Vernunft“ versagen; es ist kein Gefühl in ihnen zu erwecken, weder mit Liebkosungen …guter Behandlung … Pflege nach ärztlichem Rat, noch mit Drohungen. Er wird zornig und meint sogar sein Werk zerstören und sein Leben durch Selbstmord beenden zu müssen.

Rettung: Beethoven nennt zwei Kräfte, die ihn bewogen haben, sich nicht umzubringen: Es sind die „Tugend“ (im Sinne der christlichen Moralvorstellung, dass Selbstmord Sünde sei), „die ihn selbst im Elende gehoben“ und die Kunst, die ihn zurückhielt: „Ach es dünkte mir unmöglich, die Welt eher zu verlassen, bis ich das alles hervorgebracht, wozu ich mich aufgelegt fühlte“.

Zukunft: Ein neuer Plan ist in ihm gereift, sich ausschließlich auf die Kunst zu konzentrieren, auf neue Weise die Schönheiten der Natur zu sehen und menschliche Gefühle zu empfinden. Unter diesem neuen Einfluss fängt er auf neue Art „zu spielen an“ und neuartige „Zeichen von Vernunft und Reflexion zu geben“, nämlich in seiner neuen Manier der Komposition. Das beeindruckendste Zeugnis dieses „neuen Weges“ ist die Dritte Symphonie.“

Wer kann das nicht nachvollziehen: sich in einem Zustand befinden, in dem man zwar weiß, dass man über einige Talente verfügt, diese jedoch an der Entfaltung gehindert werden (durch das Umfeld, eigene Blockaden oder Hemmungen, gesundheitliche Einschränkungen) und sich Hoffnungslosigkeit breit macht. Letztendlich hat es Beethoven anscheinend „geholfen“ auszuhalten, zu akzeptieren, was ist und sich ausschließlich auf das zu konzentrieren, was ihn glücklich machte. Hört sich ganz einfach an 😉 …ganz ehrlich, ich bewundere ihn und jeden, der diesen Weg geht.

Chapeau, meine Helden !

 

Hier noch ein paar Links, für die, die nicht dabei waren und trotzdem wissen möchten, wie der Abend genau ablief:

http://szene-hamburg.com/jannes-wochenrueckblick-vol-32/

https://www.facebook.com/events/829570133828698/

https://www.landeszeitung.de/blog/lokales/225783-das-neue-ensemble-reflektor-feiert-seine-urauffuehrung

http://www.ensemble-reflektor.de/

 

(Quelle der Erklärung: http://www.aob-ev.de/bisher/Programmarchiv/AOB_programmarchiv_150322.pdf)

 

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31 Gedanken zu “Helden

    1. …ja, ich glaube, weil er so schlecht gehört hat…da verzieht man das Gesicht, um vllt noch i-was mitzukriegen…wer weiß. Der war früher – also im letzten Jahrhundert – mein absolutes Vorbild, hatte so einige Bücher. Hab deshalb sogar angefangen gehabt, mich mit Musiktheorie zu beschäftigen…Wozu einen Helden eben so inspirieren. Finde das spannend. Und gestern das war wirklich außergewöhnlich. 🙂 Wünsch Dir noch einen schnen Tag liebe Ann, meine Heizung ist jetzt wieder heil, bis die Bude richtig warm ist, dauerts aber wohl noch 😉 . Aber schöööööön….

      Gefällt 3 Personen

      1. er ist einzigartig….das sehe ich auch so! Ich kann mir auch nicht vorstellen, wie man sich mit Musik beschäftigen kann, wenn man taub ist……man muss schon jemand sehr Besonderes sein! Und….? wie ist Musiktheorie? Ich wünsch Dir einen wolligwarmen Abend.Allerliebste Grüße, Ann

        Gefällt 2 Personen

            1. Ich hoffe, das Kommi-Tennis ist nicht zu flapsig rübergekommen…Die Zeitqualität während des Schreibens ist einfach eine andere als abends in den Kommis. Ja, ich versteh mich auch gut mit Kronos 😉
              …ansonsten, wie ich schon oben betonte, bin ich absoluter Fan des großen Ludwigs und ich glaube, dass der heutzutage offen wäre für so einige musikmäßige Experimente. Liebe Grüße von
              Andrea

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    1. Zum Glück geht’s immer weiter…und vorspulen kann frau auch ;-)))))(uuuaaahhh …Ohrenschmalz mal kräftig rausschütteln)
      …heutige Musen bevorzugen eher Mondscheinsonaten im neuen Stil als 60er Jahre Cowboys 😉

      Ja, den typen hatte ich schon mal auf meiner Seite…der ist aber auch wirklich top! ..*lach*…schöne Woche auch für Dich

      Gefällt 2 Personen

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