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Wild and free

Bei der letzten Party fanden die wirklich interessanten Gespräche natürlich wiedermal in der Küche statt. Da so ziemlich alle Anwesenden mindestens ein Kind in der Oberstufe haben, welches also in diesem oder nächsten Jahr sein Abitur machen wird, kam zwangsläufig die Thematik des „danach“ auf.

Und alle waren sich einig, dass die Anzahl der Möglichkeiten in dieser Generation schier unbegrenzt zu sein schien. Während der Großteil der Eltern der Meinung war, dass man schon als junger Mensch gleich den richtigen Weg einschlagen sollte, schließlich ging es ja um so etwas Wichtiges wie das gesamte weitere Berufsleben, gab es nur einige wenige, die das nicht ganz so eng sahen. Weil wann, wenn nicht nach der Schule könnte diese Generation einige Jahre ausprobieren, was ihr gut gefällt, wo sie Freude dran haben und wie es weitergehen soll.

Es waren Menschen dabei, die zum Ausdruck brachten, dass sie regelrecht neidisch darauf sind, früher eben nicht diese Auswahl an Berufswegen gehabt zu haben, andere empfanden ihre eigene Vergangenheit als durchaus reichhaltig an Möglichkeiten und Wegen und wünschen ihren Kindern die richtige Wahl.

Ich bin nicht neidisch auf meine Kinder, weil ich der Meinung bin, jederzeit alle Wege gehen zu können, wenn ich denn will. Und das, obwohl mir damals nach dem Abitur nur wenige Möglichkeiten zur Auswahl standen. Genauer gesagt, war es eine Einzige.

Zum besseren Verständnis: ich habe meinen Abschluß im Wendejahr gemacht – im Ostteil Deutschlands. Im besagten Jahr hing man als junger Mensch etwas in der Luft, niemand wußte, wie es weitergehen könnte, meine Bewerbung an die Wunsch-Uni war zwar im Noch-Sozialismus abgelehnt worden, im Umbruch jedoch gab es dann eine Nachricht mit anders lautenden – aber eben nur – Überlegungen. Unsicherheit war damals ein vorherrschendes Gefühl und nicht zu vergessen das Wissen, das bis dahin 18 Jahre lang vom System in meinen Kopf gehämmert wurde betreffs einiger Fakten zum „Klassenfeind“. Eine davon war, dass ein Studium nur den Wohlhabenden der Gesellschaft vorbehalten wäre. Also war meine einzige Wahl, die erstbeste Lehrstelle anzunehmen, die sich mir anbot – mit einem ganz guten Abi keine schlechte Entscheidung, sondern der Notwendigkeit gezollt. Schlecht nur, dass meine Lehrherrin das Abi nicht auf meine Lehrzeit anrechnete – weil es ja kein „echtes“ war. 😉

Innerhalb dieser „Gastro“-Box habe ich denn auch in den darauf folgenden Jahren einiges angeschoben, ausprobiert, mich neu erfunden und Konzepte gleich mit. Der rote Faden war immer da und den Berufskasten Gastronomie habe ich bis in den letzten Winkel ausgefüllt, erlebt und inhaliert: von der kleinen Hotelfachfrau über die Organisation von Eventgastronomie, zur Cafebesitzerin und letztendlich zur Lektorin in einer Food-Redaktion…

Und nun? Bin ich ausgestiegen, weil es nicht darum geht, sich in eine Schachtel zu pressen und sie auszufüllen. Das mag eindeutig ziemlich verrückt klingen, aber wenn ich mir anschaue, wie sehr einerseits die Depressionen und Burn outs allein in Deutschland zugenommen haben und wie wenig andererseits die meisten Menschen mit ihrem Job zufrieden sind, innerlich gekündigt haben, dann möchte ich versuchen auf einem anderen Weg für mich sorgen.

Am liebsten hätte ich den Eltern in der Küche erwidert, dass es nicht darum geht, das passende (also die passende Box) für den jungen Erwachsenen zu finden. Schon meine Schilderung, dass man sich im Leben weiterentwickelt und ja nicht in einem Job hängenbleibt, hat einige überfordert.

Als Kinder haben wir alle noch groß gedacht und mit 18 geht es auf einmal nur noch darum, was möglich ist??? Wann haben wir verlernt, zu träumen, groß zu träumen?

Kinder haben unbegrenzte Energie im Gegensatz zu uns. Wir setzen uns selbst die Limits und wundern uns über den Burn out. Warum ist das so?

Weil wir unsere Träume und damit uns und unseren Sinn aus den Augen verloren haben!

Wer mir jetzt mit „realistisch denken“ kommen will: „Nur wer wagt, gewinnt!“ (komischerweise hat noch niemand dieses Sprichwort erweitert zu „….oder verliert“

Realistisch denken ist vor allem eines: Sicherheitsdenken. Und wer genau verspricht uns, dass das Leben sicher ist? In diesem Sinne: „Einfach springen!“

 

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15 Gedanken zu “Wild and free

  1. Ich bin da voellig Deiner Meinung. Es ist in der heutigen Arbeitswelt wichtig flexibel zu sein. Die Anforderungen aendern sich staendig und die eigenen Beduerfnisse auch. Ausserdem finde ich, dass das enorme Angebot an Studien- und Berufswahl, von dem Du sprichst, fuer viele junge Leute einfach ueberwaeltigend ist. Fuer Viele ist das eher verwirrend und diesen wuerde ich raten erst mal ein wenig zu arbeiten und umher zu reisen um Abstand zu gewinnen.
    LG
    Ruth

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    1. …was ja viele auch tun. Nur eben oft innerhalb abgesteckter Grenzen- meist work and Travel über eine Agentur. Ich bin einerseits überrascht gewesen, dass mein Sohn meinte, er wolle nach Indien, weil er da „wächst“ und andererseits wundert es mich dann doch gar nicht so… 🙂
      Wünsch Dir ein schönes Wochenende und danke für Deinen Kommi.
      Liebe Grüße
      Andrea

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    1. …um mir das anzuhören brauch ich länger, als fürs Schreiben meines Textes x-)…und dann hab ichs immer noch nicht verstanden, weil: ich spreche weder französisch noch englisch.
      Wünsch Dir auch ein wunderschönes Wochenende 🙂

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    1. Mir ging es weder um das eine noch um das andere 😉 . Weil ich Berufe an sich für Boxendenken halte. Jeder muss dem folgen, was ihn ausmacht, seinem Sinn und seinen Bedürfnissen. Es geht fälschlicherweise immer nur darum, wie ich/wir uns dem Arbeitsmarkt anpassen und nicht andersrum. Schönen Samstag für Dich 😘

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  2. wieder einmal gefällt mir deine sicht der dinge …

    sollte ich mir Gedanken machen … ob ich das alles wirklich neutral sehe …? *grübel*

    egal … in manchen dingen sind wir eben recht ähnlicher Ansicht …

    die Konstellation ABI 89 und … ehemalige DDR ist sicher mehr als ungünstig gewesen …

    meine sprichwörtliche Faulheit was schulische ziele anging … war allerdings auch nicht sonderlich hilfreich … hätte ich z.B. HOCHSCHULPROF. werden wollen …

    zum glück stand mir bei der Ausübung meiner wunschtätigkeiten ein fehlendes Studium z.B. nie im wege …

    das einzige was ich wirklich gern gemacht hätte … und irgendwie nie umgesetzt habe … war der sportjournalismus … wozu ich angeblich mehr als gut geeignet gewesen wäre …

    dabei hätte es Möglichkeiten gegeben … und das … könnte ich mir dann doch vorwerfen … in Richtung der songs von Ananda gedacht …

    aber der held neigt nicht dazu … verpassten Gelegenheiten nachzutrauern …

    für ein leben … hab ich wohl nicht wirklich wenig ausgetestet … und meinen kids wünsche ich einfach nur … dass sie auch stets „ihren eigenen weg“ gehen … und nicht irgendwelche ausgelatschten Trampelpfade nutzen … weil die anschließende „wiese dort schon gemäht“ ist …

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