Halterlose oder Stay ups

Halterlose oder Stay ups

Und hier der versprochene Sonntagsbeitrag zum Textprojekt des Wortmischers, welches Ihr HIER findet.

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Ich räum heute mal die Sockenschublade auf, damit wäre mein Kleiderschrank wieder in einem zumutbaren Zustand. Ziemlich durcheinander liegen meine Schätzchen darin:  mittlerweile fast 20 halterlose Strumpfpaare unterschiedlicher DEN-Art und Qualität und damit preisliche Unterschiede von 9,- bis 65,- Euro. Jeden Strumpf ziehe ich vorsichtig einzeln heraus, streife ihn über meine Hand, um eventuelle Laufmaschen zu sichten und überprüfe den oberen Rand. Und während meine Fingerspitzen das weiche Material entlang fahren, steigt eine Erinnerung in mir auf:

Diesen nudefarbenen, leicht glänzenden Seidenstrumpf mit unschuldiger Spitze hatte ich zu einem Vorstellungsgespräch gewählt. An das restliche Outfit erinnere ich mich nicht mehr, es muss irgendein knielanger Rock gewesen sein. Das Gespräch fand mit einem noch sehr jungen Schnösel statt: „Gerade von der Uni“, war mein einziger Gedanke damals. Sein Pickelgesicht und seine nervösen Bewegungen unterstrichen diesen Eindruck nur noch, und er hielt sich förmlich und mit feuchten Händen an seinem Leitfaden fest. Nach nicht einmal 5 Minuten führte ich das Gespräch und hatte nach einer weiteren kurzen Zeitspanne alle für mich relevanten Informationen, um die ausgeschriebene Stelle nicht antreten zu wollen. Entsprechend schnell beendete ich das Gespräch, saß mittags schon wieder im Zug Richtung Heimat und gönnte mir gegen das Frustgefühl einen Besuch im Speisewagen. Ein Gläschen Champagner und ich vergaß diese Zeitverschwendung um so schneller. Gedankenverloren ließ ich die Landschaft draußen vorbeifliegen und als mein Blick zurück in den Wagen schweifte, blieb ich beim Herrn am Nebentisch hängen. Der starrte mir doch unverhohlen und genüsslich auf die Beine. Verärgerte mich seine Dreistigkeit für einen kurzen Augenblick, bemerkte ich kurz darauf, dass ich ihm einen Anlass gegeben hatte. Mein Rock hatte sich beim Setzen etwas in die Höhe verschoben und so den breiten kunstvollen Spitzenrand sichtbar werden lassen.

„Den Anblick würde ich – auch als Frau – genießen“, war mein belustigter Gedanke. Ich sah zum Tischnachbarn hinüber und unsere Blicke trafen sich. Wenn mein Lächeln ihn irritierte, zeigte er es nicht wirklich, sondern erklärte mir mit einem unwiderstehlichen französischen Akzent: „Frauen, die den Moment genießen und Geschmack haben, finde ich sehr anziehend.“ „Dankeschön, auch wenn Ihr Blick mich eher entkleidet hat, Komplimente sind mir heute sehr willkommen.“, erwiderte ich keck. Daraufhin entspann sich eine anregende Unterhaltung und mein Zielbahnhof war schnell erreicht. Zum Abschied entnahm Claude seinem Aktenkoffer ein kleines Päckchen. „Für eine besondere Frau, und wenn Sie das tragen, denken Sie an mich – nur einen kurzen Moment!“, flüsterte er mir noch ins Ohr.

Vorsichtig lege ich das Paar Cervin’s zusammen, das ich an diesem Tag getragen hatte und widme mich dem Rest.

Ein schwarzes 50DEN-Paar mit Naht ließ mich an Marc zurückdenken. Noch vor einem Jahr waren wir die besten Freunde und Nachbarn. An seinem dreißigsten Geburtstag lernte ich ihn kennen.  Er saß mit einer halbleeren Flasche Whisky im Treppenhaus, hatte sich ausgeschlossen. Kaum in meiner Wohnung zeigte sich, dass er Alkohol nicht so gut vertrug. Aber der Junge tat mir leid und so überließ ich ihm mein Klo, meine Couch, Aspirin, ein großes Glas Wasser und mein Ohr. Am nächsten Morgen war ihm das alles mehr als peinlich, vor allem, da er sich nicht erinnern konnte, was er mir so alles erzählt hatte. Mich dagegen hatte sein unkontrolliertes Geständnis die ganze Nacht wach gehalten. Ich googelte und las, las und googelte weiter. Und ja, ich verstand Marc. Wir Frauen dürfen tragen, was uns gefällt: mal Rock, mal Hose, mal Baumwolle und mal Seide. Wir erscheinen mal streng im Anzug und dann wieder feminin im luftigen Kleid. Warum sollte es also nicht Männer geben, die dasselbe Recht für sich beanspruchen möchten. Marcs Passion waren Halterlose und diese Vorliebe hatte nichts mit seiner sexuellen Orientierung zu tun, wie er mir glaubhaft versicherte. Und insgeheim hoffte er auf eine Frau, die diese Vorliebe an ihm anziehend fand. Ihm schwebte in seiner Fantasie eine ähnliche Beziehung vor, wie in einem Werbespot, den ich gefunden hatte:

Marc holte sich im folgenden eine Menge Tipps von mir zur Pflege seiner Nylons, wir werteten unsere Dates aus und reichten uns manchmal auch Taschentücher. Und so manchen Abend verbrachten wir sinnierend über die Geschlechterthematik und die Gesellschaft. Für Außenstehende müssen unsere Treffen seltsam ausgesehen haben, zumindest rümpften die Müllers irgendwann nur noch die Nase, wenn sie mich sahen und auch die Lehrerin von oben unterließ das Grüßen, wenn wir uns begegneten. Einmal flüsterte Frau Müller auffällig laut: „…könnte ihr Sohn sein…“. Vorurteile…

Vor einem Jahr zog Marc überraschend aus, wahrscheinlich zu Tina, in die er vom ersten Augenblick an schwer verliebt war: „…DIE Frau fürs Leben!“, schwärmte er schon nach kurzer Zeit. Anfangs wollte er ihr seine Vorliebe „beichten“, wenn sie sich näher kennen würden. Ich vermute, er hat es nie getan, so sehr wollte er nur sie. Zufällige Treffen mit ihr und mir beendete er immer schnell und auch die Einladung zum Kaffee bei mir, passte ihm angeblich zeitlich nie.

Ich denke nicht, dass ich ihn wiedersehn werde und so lege ich seine schwarzen Halterlosen auf den Stapel mit den defekten und unbrauchbaren Strümpfen und mache weiter. Einige Minuten später bin ich fertig, nur noch ein einzelner Strumpf gleitet durch meine Hände. „Das war ein unmöglicher Tag“, huscht mir durch den Kopf, „als ich noch beide besaß.“

Nicht genug damit, dass mein Wagen plötzlich nicht mehr ansprang und ich mir den Käfer (!) meiner Schwester leihen musste. Mit diesem quietschenden Ding fuhr ich also zum Kunden. Der Kundenbesuch war eine reine Katastrophe und auf dem spätabendlichen Rückweg wurde plötzlich das Fahrzeuglicht schwächer und kurz darauf stand ich mitten in der Wildnis und nichts ging mehr. Nicht einmal das Handy – kein Empfang. Aber die Taschenlampe funktionierte, also versuchte ich einen Blick in den Motorraum zu werfen. Nicht, dass ich mich damit auskennen würde, aber das Gefühl irgendetwas zu versuchen, sollte mich davon abhalten zu schreien. Leider war die Motorhaube so heiß, dass ich mir die Finger verbrannte, also trotzdem schrie und fluchte. Im nächsten Moment hielt ein Pick up hinter dem kleinen Käferauto. Zuversichtlich ging ich einige Schritte in die Richtung des Wagens, stockte aber, als der Fahrer ausstieg. Der war sehr groß und sehr breit und stapfte wortlos an mir vorbei. Dabei leuchtete mich seine Taschenlampe einmal von oben bis unten an, und ich hatte das Gefühl gerade ausgezogen worden zu sein. Der Typ schaute kurz in den Motorraum und brummte kurz zu mir rüber: „Zieh die Strumpfhose aus!“. „Oh Gott, was wollte der von mir?“, Panik machte sich breit und trotzdem antwortete ich patzig: „Ich hasse Strumpfhosen! Das sind Strümpfe!“. Dabei leuchtete ich ihn direkt an. Langsam kam sein Kopf hinter der Motorhaube zum Vorschein: „Dann gibst Du mir eben einen Strumpf. Der Keilriemen ist im Arsch, und ich flick Dir das mal provisorisch. Aber mach hinne, sonst biste gleich steif gefroren.“ Hatte ich mir den Spott in seiner Stimme nur eingebildet? Egal, ja ich war am Bibbern und so reichte ich ihm schnell das gewünschte Teil. „So und jetzt setz Dich in meinen Wagen und wärm Dich auf, bis ich fertig bin. Ne Decke liegt auf dem Rücksitz.“ Eigentlich wollte ich stolz wie eine Königin die paar Schritte schreiten, ich nehme aber an, dass es eher aussah, wie ein Katze im ersten Schnee, denn ich hörte meinen Retter hinter mir belustigt prusten. Was bildete der sich ein ? Ich konnte nur den Ansatz seines Kopf sehen, der mal rechts und mal links hinter der Motorhaube auftauchte. Einen Blick in sein Handschuhfach könnte ich ja riskieren. Aber da war nichts, gar nichts, also warf ich einen Blick hinter die Sonnenblende und fand wenigstens seinen Führerschein: Wow, der konnte ja alles fahren, was so auf die Strasse durfte. Hießen Vergewaltiger oder Entführer eigentlich Thomas ? Im nächsten Moment riss ‚Thomas‘ die Beifahrertür auf, ich hab ihn vorher nicht bemerkt, wie peinlich. Er stellte meine Handtasche auf den Beifahrersitz und fragte, ob ich in der Lage wäre zu fahren. Natürlich war ich das ! Grinsend erklärte er mir, in welche Werkstatt er mein Wägelchen fahren wollte, ich sollte ihm nur folgen und mit einem Blick auf den Führerschein in meinen Hände, fügte er hinzu: „Ich heiß Tom und den hätte ich jetzt gern.“ „Clara“, erwiderte ich und schon waren wir unterwegs, ich mit dem Pick up und der Riese im kleinen Käfer. Als das zweite Auto dieses Tages endlich auf dem Werkstatthof stand, setzte Tom mich zuhause ab und ich wollte ihn zum Wochenende auf einen Kaffee einladen. Tom beugte sich zu mir, sah mir verstörend lange in die Augen und meinte nur: „Morgen, 20:00 Uhr, genau hier“ und weg war er.

Die Erinnerung an unser erstes Date versetzt mich in Vorfreude. Die aussortierten Strümpfe verschwinden in der Putzschublade. Pünktlich zum Klingeln bin ich ausgehfertig, natürlich mit Halterlosen und High Heels. Und ich trage das, was in dem kleinen Päckchen von Claude war. Es ist schließlich ein besonderer Anlass, mein erster Hochzeitstag mit Tom.

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(Foto Strumpfband: http://www.strumpfband.de)

 

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57 Gedanken zu “Halterlose oder Stay ups

    1. Liebe Suse,
      das freut mich, dass ich Dich am Montagmorgen zum Schmunzeln gebracht hab 🙂 …und Thomasse gibts viele, auch wenn er bei mir nur fiktiv ist *lach*(Du hasts geglaubt, stimmts ?) …Solange Du Deinen Thomas auch manchmal „vergewaltigst“ und „entführst“ ist doch alles im grünen Bereich, yiehaa *grins*
      Nur warum ich Dich hier frei schalten muss, ist seltsam /\ /\

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      1. wegen Su-shi, meines neuen aber doch uralten Codenamens hier, lach 🙂
        Früher auf blog.de und davor noch auf Yahoo hiess ich Sushi, bzw. Su-shi und ich wollte das wieder benutzen, weil mich die halbe Bloggerwelt nur unter diesem Namen kennt. Einige waren etwas irritiert, deswegen benutze ich diesen Namen wieder.

        Ja meine Liebe, die Entführungen und Vergewaltigungen halten sich die Waage, lach 🙂

        Ey, ich habs dir echt geglaubt! Ich bin einfach zu gutgläubig, selbst die besten Freundinnen verarschen einen hier, menno! 😉

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  1. Das ist ja mal ein toller Episodentext mit überraschender Schlusspointe, liebe Andrea. Schön auch der Hauch Erotik – grad so 10 DEN, also immer noch jugendfrei 😉 . Mir gefällt der Aufbau mit einer Rahmenhandlung, dem Aufräumen des Kleiderschranks und den Erinnerungen, die sich dann einstellen.

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    1. Ich schließ mich unbedingt dem Jules an! Das Warten übers Wochenede auf diese tolle Geschichte hat sich gelohnt. Offen bleibt jetzt nur noch, was aus Marc, seiner Vorlieb für Damenunterwäsche China Doll Lingerie (dass die so heißt, lernt man nach dem Video!) und seiner Tina geworden ist.

      Außerdem: Ja, ich wusste, dass man Keilriemen vorübergehend durch Nylons ersetzen kann. Was ich jedoch nicht wusste, ist, dass frau ihre Halterlosen – und was auch immer weiter oben? – „taped“. Ich dachte Tape gehört in den Werkzeugkasten von breitschultrigen Kerlen, die Thomas heißen, und nicht in die Wäscheschublade von Frauen. Aber man lernt ja nie aus.

      Gefällt 2 Personen

      1. Also ich tape nicht…im Gegensatz zum Blümchen ;-)…und den Keilriemen kannste nur bei alten Autos so kurzzeitig reparieren (das hab ich gelernt, bei meiner Recherche). Da soll Tape heutzutage besser sein, wenn man das verdreht bzw. verzwirbelt. Marc ist ein Crossdresser und irgendwann wird er es heimlich wo auch immer fortführen oder mit Tina reden müssen. Ich hoffe, dass sie dann aufgeklärt und nicht entsetzt reagiert ;-). Dazu gibts ne Menge Literatur. Nur ausleben können viele Männer das nur in entsprechenden Studios, weil es gesellschaftlich nicht toleriert wird.
        Ob Thomasse immer breitschultrig sind, weiß ich nicht, könnte ja mal ne Umfrage starten und fang bei der Suse an ;-DDD

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      2. mein voriger Kommentar sollte unter den Kommentar von Herrn Wortmischer. Ich musste lachen 🙂

        Und jetzt zu der Umfrage: ach, ich weiß es nicht, Frau Lunatalentiert. Nehmen wir mal Thomas Anders, ist dieser doch eher klein und sein Bauch ein klitzekleines bischen stärker betont.. Schauen wir auf Thomas Müller, ist dieser eher groß und schlaksig, aber nicht breitschultrig.
        Thomas Gottschalk ist auch nicht so breitschultrig, eher der schmale Hüne.
        Ne. Unter einem Breitschultrigen stelle ich mir einen Ivan vor. Thomas ist eher der mit den wohlgeformten Proportionen.
        Kicher 😉

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    2. Lieber Jules,
      Dankeschön, Dein Lob bedeutet mir echt viel.
      Erotik entsteht ja im Kopf und die 10 DEN sind völlig ausreichend für eine Seite wie meine 🙂 …ICH wollte übrigens die Protagonistin nur eine Episode erleben lassen (der Franzose hatte bestimmt noch mehr auf Lager als nur Charme *grins*). Figuren gehen aber manchmal eigene Wege und diese wollte unbedingt einige Facetten von Erotik aufzeigen: Flirt, Angst, Fetische, Romantik und alltägliche Sinnlichkeit. Gleichzeitig war ihr danach, den Leser auf seine Toleranzschwelle hinzuweisen. Ich fand ja, dass sie ein bisschen viel auf einmal wollte, aber irgendeine Eigenschaft musste sie ja von mir haben, wenn schon alles andere fiktiv war. Liebe Grüße von
      Andrea

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