Paralleluniversum

Paralleluniversum

Es soll Leute geben, die gern spazieren gehen. Soll es. Und da der Frühling kommt, werden es wieder mehr. Die haben dann ihre Kamera dabei und den Hund und gondeln durch die Gegend, Natur genießen und so. Dabei stoßen sie dann vielleicht auch auf ein paar Schienen, die mitten im Wald aufhören, Bunkerruinen oder alte Gräber. Sie könnten sogar etwas über Kreuzritter und Gralssuche in Schleswig-Holstein erfahren, über den Deichbau an der Ostsee oder Wissenswertes weitab vom Bekannten einer Stadt wie Rostock oder Heidelberg. Ja wenn die Muggel nicht blind wären…

Blind für ein Paralleluniversum namens Geocaching. Ein Hobby, bei dem man Spannung und Spiel hat und das … letztendlich Glückshormone frei setzen kann, bei dem der Frustfaktor aber mit einkalkuliert werden muss. Wer schon mal was von diesem Hobby gehört hat: das sind die Verrückten, die mit milliardenschwerer Satellitentechnik nach Tupperdosen suchen – und diese beim Finden noch nicht mal mitnehmen.

Irgendwann um die Jahrtausendwende ist das Geocaching in Amerika entstanden und schon bald nach Europa rübergeschwappt – Wiki wirds genauer wissen. Und egal, wo auf der Welt man sich befindet, ein Cache ist garantiert in der Nähe. Ein Paralleluniversum ist es nicht nur, weil Nicht-Cacher mit dem an Harry Potter angelehnten Begriff Muggel bedacht sind, sondern vor allem, weil Geocacher im Verborgenen suchen und finden. Den gesuchten Behälter eben ohne, dass Muggel das mitbekommen, öffnen, sich ins Logbuch eintragen und an selbiger Stelle wieder verstecken.

Mein persönliches Highlight war dazu ein Cache, der sich mitten in einem großen Blumenpark unserer schönsten Stadt der Welt befindet. Die Dose war mittels Magnet an die Innenseite des Stahlträgers eines Info-Pavillons befestigt. Aufregung pur, wenn man diese Dose mit einem leichten Klick unauffällig abnimmt, obwohl direkt vor einem an der Info-Tafel mehrere Muggel konzentriert lesen. Da dieser Park dicht an einem wichtigen Bahnhof liegt, habe ich mich damals nicht nur ins Logbuch eingetragen, sondern auch einen Coin weitergeschickt, der Schauplätze der Gralsritter passieren sollte. Im Internet kann man dann nachverfolgen, wo überall sich diese Münze oder ein anderer Trackable auf der Reise aufhält, da die Bewegung von Cache zu Cache dokumentiert wird.

Genau dort beginnt auch das Cachen – im Internet. Unter geocaching.de oder geocaching.com legt man sich einen Account zu oder/und lädt die entsprechende App. Dann bitte unbedingt ein wenig mit den Spielregeln auseinandersetzen, denn Naturschutz und auch Grundstücksrecht werden von echten Geocachern groß geschrieben. Für den Anfang sollte man sich nicht zu schwierige Caches vornehmen, also erst mal mit direkten Koordinaten beginnen. Auch da gibt es schöne Verstecke. Ich kann mich an einen sehr kalten Oktobertag erinnern und einen Cache in Form eines großen Koffers – in 8 Metern Höhe an einem Baum befestigt. Der Einzige, der die sportlichen Voraussetzungen für diesen Cache hatte, war der Lieblingssohn. Leider hatte er sich zu diesem Spaziergang, die gerade neu gekauften Sachen (Pulli, Hose, Jacke, Schuhe) übergestreift, weil Teens ja nur noch in Ausnahmefällen auf Eltern hören und die Warnung: „Wir gehen cachen!“ nicht wirklich ankam. So kam es, dass er sich all der Sachen entledigte und nur mit Socken und Unterhose bekleidet einen auf Tarzan machte – ein Bild, das sich auf meiner Kopfkino-Festplatte nicht mehr löschen läßt.

Mit was für einem Cache man es zu tun hat, seine Größe, der Schwierigkeitsgrad aber auch Tipps sind in der jeweiligen Cachebeschreibung zu finden. Und natürlich haben auch Geocacher einen speziellen Humor, was Namen oder Verstecke angeht:

(Vorsicht, die 2 sind doch etwas abgedrehter 😉 )

 

Caches an Autobahnen zählen nicht unbedingt zu meinen Favoriten, können aber als Pausenfüller auf einer Urlaubsreise ihren Dienst erfüllen. Persönlich mag ich Caches, die mich an Lost Places führen und mir dazu Hintergrundwissen in der Cachebeschreibung liefern (siehe den Beginn des Artikels), mich an landschaftlich schöne Orte führen oder mir eine Stadt mal anders zeigen. Ebenso liebe ich Caches, die über mehrere Stationen mit Aufgaben gehen, sogenannte Multis. An jeder Station muss der Sucher sich die Koordinaten für die Folgestation erarbeiten. Dazu hier nur ein Beispiel:

 

Und wenn ihr Euch vorstellt, mehrere solcher Stationen geschafft zu haben und endlich kaputt und müde nach einigen gewanderten Kilometern am finalen Endpunkt angekommen seid, UND DIE DOSE DANN NICHT FINDEN ZU KÖNNEN…

Glücklicherweise kommt dieser Fall aber sehr selten vor. Da war die Suche nach einer Moorleiche in NRW zusammen mit einem guten Kumpel, dem ich dieses Hobby zeigen wollte, nicht einmal, nicht zweimal sondern ganze 3 ! Mal absolut ohne Erfolg – was natürlich auch meiner Sturheit geschuldet war. Aber ich kann mich dafür an einen anstrengenden aber wunderbaren Multi in Österreich erinnern, der erfolgreich an der Weißen Wand endete oder auch an einen Nachtcache (Reflektoren heißt das Zauberwort) mitten im Wald bei dem Grusel und Freude sich die Waage hielten, und wir auch noch den Mechanismus zum Öffnen der Militärkiste rausgekriegt haben.

Nur eine Erklärung dafür, warum die Dosen manchmal verschwinden, gibt es nicht. Manchmal sind es Tiere, die daran beteiligt sind und manchmal auch Muggel. Obwohl jeder Behälter gekennzeichnet ist, nämlich Teil eines Spiels zu sein, wird er eventuell doch nur als Souvenir betrachtet. Was schade ist, denn diejenigen, die den Cache gelegt haben, steckten meist viel Zeit, Recherche und Überlegungen darein.

Ich hoffe, ich konnte ein klein wenig Einblick in ein Paralleluniversum verschaffen, dass vor allem Spaß macht. Wie ich darauf gekommen bin ? Durch ein Hörbuch von Bernhard Hoecker „Aufzeichnungen eines Schnitzeljägers“ – das ich als Lachmuskeltraining sehr empfehlen kann. Mein Outdoornavi kann übrigens mehr, als nur Koordinaten für Tupperdosen – es findet auch mein Auto auf großen (IKEA)Parkplätzen wieder 😉

 

(Quelle Beitragsbild: Geocaching-hagen.de)

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33 Gedanken zu “Paralleluniversum

  1. Ich habe ein paar Jahre in meiner Rehasport Gruppe Geocaching gemacht. Wir waren sowieso meistens draußen im Park und haben Bäume umarmt 😀 Hat sehr viel Spaß gemacht, und vielleicht fange ich ja dank deiner Erinnerung dieses Jahr noch mal damit an 🙂 Sei herzlich gecacht gegrüßt

    Gefällt 4 Personen

  2. Sehr interessant, das ganze,

    einer meiner Kids hat das zusammen mit seiner Freundin auch schon des öfteren gemacht und die beiden haben sehr viel Spaß gehabt dabei,

    bis auf das „Finden“ von Caches, die halt zuvor wohl als „Souvenir“ gemopst wurden,
    was nicht so nett ist für die anderen Mitspieler/innen…

    Liebe Morgengrüße vom Lu

    Gefällt 1 Person

  3. Tolle Sache, haben der jugendliche Mitbewohner und ich auch schon gemacht. Auf einer Wandertour haben wir ganz lustige Sachen gefunden. Eines ist noch heute in meinem Besitz. Muss definitv mal wieder raus. Danke fürs Erinnern. Liebe Grüße, Kerstin

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