Kartoffeln mit brauner Soße

Kartoffeln mit brauner Soße

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Ich war immer stolz darauf, eine andere Grundeinstellung zu meinen Mitmenschen zu haben, weil ich nicht im westlichen Teil Deutschlands geboren bin. Dass ich das Wohl meiner Mitmenschen, der Gruppe immer ebenso (und manchmal viel mehr) im Blick hatte, als mein eigenes.

Ich war immer stolz darauf, sehr geerdet aufgewachsen zu sein, umgeben von Natur. Ich war stolz auf meine Anpassungsfähigkeit, denn auch die Natur passt sich an geänderte Umweltbedingungen an. Und auch wenn man nicht hört, dass ich ein Ostkind bin, so erkenne ich und erkennen mich meinesgleichen sofort.

Ich war stolz darauf, so unglaublich viel Wissen in den ersten Jahren nach dem Mauerfall in mich aufgesogen zu haben. Mehr als in den 12 Schuljahren vorher. Ich war stolz auf mein Ost-Abi, auch wenn es einen Krampf bedeutete, dass dieses in den alten Bundesländern gleichwertig anerkannt wurde. Meine Schulbildung war sehr breit ausgelegt und unabhängig von Fachschaften oder wirtschaftlichen Interessen einzelner Bundesländer oder den persönlichen Interessen von Lehrkräften. Ich hatte 7 Jahre Unterricht in sämtlichen Naturwissenschaften auch Astronomie gehörte dazu, zusätzlich noch 2 Sprachen.

Es hat mich stolz gemacht, zu erkennen, dass Materielles nicht das Wichtigste ist, weil Improvisationstalent erst durch Mangel entstehen kann. Ich war stolz darauf, in Lösungen zu Denken und nicht in Problemen.

Und ich war immer der Meinung, dass ein Ossi besonders sensibel gegenüber Machtstrukturen ist. Weil er weiß, was Überwachung oder Bevormundung, Machtlosigkeit und der Kampf dagegen bedeuten.

Ja, ich war stolz, ein Ossi zu sein. Zumindest eine gewisse Zeit lang.

 

Wie das so läuft, wenn man älter wird – mit einem Mal steht ein Klassentreffen an.

Aus irgendeinem Grund konnte ich meine Teilnahme einfach nicht sofort zusagen. Natürlich bin ich neugierig, was alle zu erzählen haben. „A… hat ein großes Herz, für Liebe, Freude, Leid und Schmerz:“ – hatten meine Klassenkameraden damals vor 30 Jahren zum Abschied über mich gedichtet. Und viel hat sich daran bis heute nicht geändert.

Trotzdem hinderte mich irgendetwas, den Termin zuzusagen. Ich redete mir ein, dass es am langen Vorlauf läge. Ich bin nicht der Typ, der 9 Monate im voraus plant – nein, das hab ich nichtmal schwanger getan. Ich weiß heute nicht, was in 9 Monaten sein wird, niemand weiß das. Was mich gehindert hat, war vielmehr eher eine Ahnung um die „andere politische Einstellung“ der meisten Daheimgebliebenen. So ganz wahrhaben wollte ich das nicht. Kann doch nicht so schlimm sein – dachte ich. Und wurde gestern Abend in der Whattsupp-Klassengruppe eines Besseren belehrt.

Ein wirklich extrem rassisstischer „Witz“, vorgetragen per Video von einem meiner alten Bekannten. Ich hab wirklich überlegt, ob ich ihn kurz besuchen fahre, um ihn genauso zu verprügeln, wie in der dritten Klasse. Was ich aber noch viel schlimmer fand: dieses Video stand da gute 7 Stunden in der Gruppe und NIEMAND der anderen hat auch nur irgendetwas dagegen gesagt oder geschrieben. Ich denke, da sind nicht nur Mauern in den Köpfen, das sind ganze Burgen. Festgefahrene, engstirnige Denke auf unterstem Niveau.

Das Klassentreffen ist für mich gestorben. Soviel braune Soße, da kann von mir aus die Mauer doppelt so hoch wieder aufgebaut werden. Ja, ich hör mich enttäuscht an, weil ich es bin und stinksauer noch dazu.

Wie kann es sein, dass Menschen, mit denen man 10 Jahre ein totalitäres System ausgehalten hat, die ebenso wie ich davon träumten, die ganze Welt zu bereisen ohne jemals wirklich daran zu glauben, dass dieser Traum in Erfüllung geht, dass genau diese Menschen so fürchterlich intolerant und fremdenfeindlich sind?

Meine angewiderte Meinung habe ich zum Ausdruck gebracht. Und ich hoffe, damit eine Diskussion angestoßen zu haben. Nachverfolgen kann ich das nicht. Ich habe die Klassengruppe verlassen.

Ich bin stolz, Ich zu sein.

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Meinungsfreiheit

Meinungsfreiheit

An den letzten 2 Tagen hat sich auf dem Hof ein Schaf (ich vermute, es war jedesmal dasselbe) durch eine Lücke im Zaun des Geheges gezwängt. Hat die anderen Schafe nicht sonderlich interessiert. Keines wollte hinterher. War ja alles perfekt im Gehege, genug zu fressen, Sonne von oben, viele Besucherkinder, die Futter zuwarfen und Hofmitarbeiter, die man anblöken konnte. Ach ja und Abwechslung hatten die Schafe auch, ein frisches Lamm und das ganz in schwarz von einer weißen Mutter! Also wenn das nicht genug Gesprächsstoff lieferte 😉 . Für die Kinder war das Lämmchen natürlich auch das Highlight. Nur ein paar machten sich Sorgen ob des ausgebrochenen Schafes und gaben uns darüber bescheid. Wir haben sie beruhigt. Schafe sind Herdentiere und entfernen sich nicht von ihrer Herde. Es würde sich bis abends gedulden müssen, bis alle Besucher den Hof verlassen haben und dann ganz einfach wieder eingefangen und zurück ins Gehege gesetzt werden.
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Mit 17 wurde ich damit ausgezeichnet, an einem großen Jugendtreffen in Berlin teilnehmen zu dürfen. In einem Riesenzug von Blauhemden zogen wir an der Tribüne vorbei, von der uns die damaligen Regierungsvertreter huldvoll grüßten. Erich war auch dabei. Bei seinem Anblick und der späteren Ansprache lief es mir kalt den Rücken runter, denn die Bilder, die damals in jedem unserer Klassenräume hingen, zeigten ihn mindestens 30 Jahre jünger. Aber das war ja schon soooo ein alter Knacker! (Nicht im Sinne von knackig, eher sehr gebrechlich) Und der sollte Chef der Republik sein und uns in eine bessere Zukunft führen? Das machte mir ein sehr komisches Bauchgefühl. Dann wollten wir uns am Abend noch eine kleinere Veranstaltung ansehen, für die man eigentlich spezielle Einladungen brauchte. Nur außer uns hatten anscheinend hunderte anderer Jugendlicher dieselbe Idee dort ohne Einladung zu erscheinen, einfach aus Neugierde. Die Ordnungsorgane hatten aber alles abgesperrt und zur Sicherheit (wessen auch immer) Schupos mit Maschinengewehren postiert. Aber was sind schon vorgartenhohe Absperrzäune und ein paar Schupos gegen Massen von Jugendlichen? Doch, ja, wir hatten ein mulmiges Gefühl, sehr sogar. Trotzdem rannten wir einfach drauflos. Hat funktioniert. Ich weiß nicht mal mehr, was denn jetzt eigentlich auf der Veranstaltung so besonders war, nur dass ich nach meiner Rückkehr systemskeptischer war als vorher.
Danach verbrachte ich einen wunderbaren Sommer voller Sehnsucht und Flausen im Kopf, im Schwimmbad und beim Taschengeld verdienen. Einen schlechten Küsser und viel Sonne gab es im besagten Sommer auch noch. Ich sah mir aber die Nachrichten genauer an: die aktuelle Kamera UND das „Westfernsehen“. Las das Neue Leben (Jugendmagazin der DDR) und die Bravos, die ich bei ner Freundin in die Finger kriegte. Kaum ging mein letztes Jahr am Gymnasium wieder los, änderte sich nicht nur mein Studienwunsch – weg vom Lehrer hin zur Außenwirtschaft – ich besuchte auch noch regelmäßig die Veranstaltungen des Neuen Forums. Ich wollte mehr wissen, umfassender informiert sein. Nicht das nachkauen, was mir vorgespeichelt wurde.
Und mit einem Mal war die Mauer auf.
Wie es weitergeht, wußte niemand. Es überwogen Hoffnung und Freude. Vor allem die Hoffnung darauf, selbstbestimmt zu leben, zu reisen und offen seine Meinung äußern zu können.
Lange Zeit hatte ich erst einmal damit zu tun, all die neuen Eindrücke zu verarbeiten, die ungewohnte Technik und Kultur kennenzulernen und so schnell wie möglich eigenes Geld zu verdienen. Ans Studium habe ich einige Zeit noch wehmütig gedacht, aber gewohnte neuronale Programmierungen läßt man nicht einfach hinter sich. Und ein Studium konnten sich, laut meinen Informationen, nur die ganz Reichen leisten. Nach und nach integrierte ich mich, wurde ein Teil dieser Gesellschaft. Sowas passiert am besten durch Anpassung. Und ich merkte, dass es auch in dieser Gesellschaft ratsam ist, aufzupassen, was man sagt. Rechtzeitig den Mund zu halten. Und schon gar nicht, die Hand zu beissen, die einen füttert. Was mich schon früh zu der Aussage veranlasste, dass die Leute im Westen die Mauer wahrscheinlich nie zu Fall gebracht hätten, weil sie ja schlimmer als Schafe seien. Weil sie mehr abgelenkt sind und mehr angebliche Freiheit genießen. Aber Freiheit heißt nicht, reisen zu können, wohin man möchte oder wann immer einem danach ist, Bananen zu konsumieren. Freiheit ist die Freiheit der anders Denkenden. Denn Freiheit beginnt im Kopf. In dem, was man konsumiert an Informationen.
Während ich mir früher durch die 2 unterschiedlichen Nachrichtendarstellungen in Ost und West eine eigene Meinung bilden konnte, stoße ich momentan nur auf eine Informationsgleichschaltung von TV und Print. Diese kommt eher einer Sensationsgleichschaltung nahe. Öffentlich-rechtliche und private bringen meist sogar dasselbe Bild- und Videomateriel. Warum? Um uns nicht zu verwirren? Oder um neuronale (eingleisige) Autobahnen zu legen? Gleiche Information und gleiches Denken für alle ! Vor allem Informationen, die die Angst in den Köpfen schüren, denn Angst zu haben ist einfach. Sie zu erzeugen auch. Weil der Mensch Sicherheit will. Ein schönes Gehege, Sonne, Futter und was zum Tratschen – wie die Schafe.
Glücklicherweise gibt es immer mehr Ausnahmen. Und das Internet. An alternative Informationen zu kommen wird einfacher. Ich habe gemerkt, dass es sich lohnt, genauer hinzuschauen, gerade wenn öffentliche Medien eine Information/Informationssendung oder -seite als Verschwörungstheorie titulieren. Das Wort wird anscheinend immer dann verwendet, wenn die eigenen Argumente ausgehen. Als Totschlagargument (medialer Kugelhagel), weil dagegen niemand den Widerspruch wagt. Ich hab was gegen eingleisiges Denken und Zensur und handle damit sogar verfassungskonform – siehe unten. Und ich bin dankbar, dass es zum Beispiel Leute wie Ken Jebsen mit KenFM oder die Internetseite yoice.net/ mit youtube-Kanal gibt. Also nutzt an diesem sonnigen Sonntag das schöne Wetter und Euren Geist.

Musikalische Untermalung hab ich da auch noch. Rap ist eigentlich nicht so meins, aber hört den Song 3-4mal, dann geht der wirklich ins Ohr:
Mit dem schwarzen Schaf beschäftige ich mich dann am nächsten Sonntag.
Deutsche Verfassung Artikel 5
(1) Jeder hat das Recht, seine Meinung in Wort, Schrift und Bild frei zu äußern und zu verbreiten und sich aus allgemein zugänglichen Quellen ungehindert zu unterrichten. Die Pressefreiheit und die Freiheit der Berichterstattung durch Rundfunk und Film werden gewährleistet. Eine Zensur findet nicht statt.
(2) Diese Rechte finden ihre Schranken in den Vorschriften der allgemeinen Gesetze, den gesetzlichen Bestimmungen zum Schutze der Jugend und in dem Recht der persönlichen Ehre.
(3) Kunst und Wissenschaft, Forschung und Lehre sind frei. Die Freiheit der Lehre entbindet nicht von der Treue zur Verfassung.